Was ist Hyperakusis?

Zum Glück haben nicht alle Tinnitusbetroffene unter dieser lästigen Art der besonderen Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen zu leiden. Deshalb, zum allgemeinen Verständnis, zunächst einige erklärende Hinweise zu Hyperakusis.

Im Lexikon der Hörschäden wird folgendes erklärt: Wenn Recruitment vorliegt, hört der Schwerhörige Leises schlecht, Lautes aber laut und oft sogar unangenehm laut. Durch Verzerrungen im Ohr klingen hohe Töne schrill, tiefe Geräusche werden unangenehm dröhnend empfunden. Dieses "Zu laut Hören" bezeichnet man als Hyperakusis. Hyperakusis kommt auch bei fast normalem Gehör vor, wenn schon ein Schaden an den äußeren Haarzellen besteht, der aber noch so gering ist, dass kein Hörverlust entsteht. Was ist nun das anfangs erwähnte Recruitment? Bei Schwerhörigkeit, deren Ursache eine Schädigung der äußeren Haarzellen des Cortischen Organs ist, tritt dieses seltsame Phänomen auf: Leises wird wegen der Schwerhörigkeit nicht oder schlecht gehört; etwas Lauteres wird angenehm laut gehört, wenn es dann aber noch lauter wird, empfindet es der Schwerhörige trotz seines Hörverlustes ebenso laut wie ein Normalhöriger. Mitunter besteht sogar eine Überempfindlichkeit gegen laute Töne und Geräusche. Recruitment ist ein typisches Symptom von Hörschädigungen des Innenohres. In der Differentialdiagnostik dient es deshalb als Beweis für einen Haarzellenschaden.

Gleichzeitig ist auch die Lautstärken?Unterschiedsempfindlichkeit vergrößert, so dass ein Schwerhöriger mit Recruitment kleinere Lautstärkenschwankungen wahrnimmt als ein Hörgesunder. Dadurch kommt es zu Verzerrungen, die neben der Hörminderung eine Fehlhörigkeit zur Folge haben: Sprache oder Musik sind zwar angenehm laut, klingen aber verzerrt, und Sprache kann dann schlecht verstanden werden.

Die Hörgeräteanpassung ist deshalb bei Vorliegen von Recruitment oft erschwert.

Hierzu eine kleine Geschichte als Beispiel: "Die schwerhörige Tante sitzt auf dem Sofa, und ihre Nichte sagt ihr etwas in normaler Lautstärke. Die Tante bittet: "Sprich etwas lauter, du weißt, ich höre nicht mehr ganz gut." Die Nichte spricht etwas lauter, daraufhin schimpft die Tante los: "Du brauchst doch nicht gleich so zu schreien, ich bat dich doch nur, etwas lauter zu sprechen."

Die Aussagen der Fachleute können dahingehend gedeutet werden, dass die Geräuschempfindlichkeit mit oder ohne (erkennbaren) Hörschaden vorhanden sein kann. Auch muss dabei kein Tinnitus vorhanden sein. Diese Geräuschempfindlichkeit kann eine furchtbare Belastung sein.


Hyperakusis, Tinnitus & Wissenschaft

In einigen Fällen ist diese Aversion gegen Geräusche allgemein und gegen bestimmte Geräusche im besonderen als eine Reaktion auf das eigene, unerwünschte Tinnitus-Geräusch zu sehen. In anderen Fällen können die Beschwerden durch solche physiologischen Ursachen bedingt sein, die auch dazu führen, dass Geräusche verzerrt oder entstellt gehört werden. Natürlich können beide Ursachen gleichzeitig vorliegen.

Bei einem Versuch, die Berichte von Betroffenen auszuwerten, die in der Zeitschrift vom "Hyperacusis Network", einer in USA ansässigen kleinen Selbsthilfeorganisation erscheinen, wurde vor allem klar, welch ein großes Elend es sein kann, derart betroffen zu sein.

Sie empfinden sich häufig in einer absolut hilflosen Situation, zumal es schwierig zu sein scheint, einen für Ihre Situation verständnisvollen Arzt zu finden, der obendrein noch fähig ist, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten.

Ihnen ist jedes Rezept willkommen, das annähernd Linderung verspricht, und sie suchen verzweifelt nach allem, das Lärm ausschließt oder dämmt. Diese verzweifelte Suche nach Lärmfreiheit allgemein und nach technischen Geräten mit stark reduzierten Geräuschemissionen zeigt positive Wirkungen. So konnten Computerhersteller für die Herstellung besonders geräuscharmer Computer gewonnen werden. Listen über besonders leise Autos, Staubsauger und anderen technischen Geräte machen die Runde. Wer ein besonders geeignetes Produkt zum aktiven oder passiven Lärmschutz gefunden hat, veröffentlicht seine Entdeckung oder verteilt technische Datenblätter. Indem sie bei Firmen und Verbraucherverbänden nach besonders lärmgeminderten bzw. leisen Produkten nachfragen, erhöhen sie damit auch das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das Bedürfnis nach einer leiseren Umweit. Eigentlich sollte dies auch von (noch?) Nichtbetroffenen mit gleichem Ernst betrieben werden.

Hyperakusis in den Griff zu bekommen scheint ähnlich schwierig zu sein wie beim Tinnitus. Jeder scheint seine ganz individuellen Bedingungen zu haben. Mancherlei weitergegebene Ratschläge helfen einigen, anderen wiederum nicht. Manche der Betroffenen können sich den normalen Umweltgeräuschen nur mit Ohrstöpseln und Ohrenschützern gleichzeitig aussetzen. Häufig ist die Kommunikation gestört und damit die sozialen Kontakte abgebrochen. Unterhaltende, ablenkende Vergnügungen können häufig wegen der hohen Lärmbelästigung nicht genossen werden. Restaurantbesuche sind wegen lauter Musikbeiträge und grellem Geschirrgeklapper eher eine Strafe als ein Vergnügen. Selbst Fernsehen und Radio können zur unerträglichen Belästigung werden, besonders durch die unglaublich lauten und plötzlichen, häufig völlig überflüssigen "Musikeinlagen".

Diese werden allerdings inzwischen auch von Normalhörenden als Belästigung empfunden, da die Musikeinlagen (eigentlich sind sie nur Geräuscheinlagen) keinen Informationsgehalt und keinen Musikgenuss bieten, sondern nur ein Ausdruck des technischen Machbaren sind.

Wie beim Tinnitus, wird es auch bei der Hyperakusis einige andere begleitende Umstände oder Erkrankungen geben. Eine sorgfältige Diagnose ist angeraten, damit die eigentliche Ursache für die Geräuschüberempfindlichkeit aufgedeckt wird, gegebenenfalls unter Einschaltung eines Psychotherapeuten. Wie aus den Berichten erkennbar, spielen auch traumatische Höreindrücke aus vergangener Zeit eine Rolle, die durch ein neuerliches Ereignis wiederbelebt wurden. So können sich mitunter nicht übermäßig laute Geräusche sich in schmerzhafte Höreindrücke verwandeln.

Im Dezember 1994 brachte die Zeitschrift "Globe" den folgenden Kommentar von Jack Vernon, dem Direktor des Oregon Hörforschungszentrums.

"Da Hyperakusis so selten ist, beschäftigt sich auch kein Wissenschaftler damit. Somit ist der Betroffene wirklich schlimm dran." Seine Vermutung war, dass die Nervenfasern, die das Ohr mit dem Hirn verbinden, "verrückt spielen", wodurch die Betroffenen nicht in der Lage sind, Geräusche zu ertragen.

Zwischenzeitlich haben die Wissenschaftler, vielleicht durch den Zusammenschluss der Betroffenen im "Hyperacusis Network", doch einiges unternommen, das zumindest ihre Bereitschaft bekundet, an dem Problem zu arbeiten.